Marvel’s Wolverine im Test: Der Berserker im goldenen Käfig

Insomniac liefert Logan. Aber irgendwann fragt man sich, ob man gerade ein Wolverine-Spiel spielt – oder einfach nur sehr viele Gegner tötet.

Gameplay: Schlauch mit Qualitäten

Wer nach dem offenen New York aus Spider-Man 2 auf Freiheit hofft, wird enttäuscht. Wolverine ist ein Schlauchspiel mit linearen Levels und klarer Laufrichtung, was für sich genommen kein Urteil ist – lineare Spiele können großartig sein, wenn das Design mit dieser Entscheidung arbeitet. Insomniac tut das nur bedingt.

Was in der ersten Hälfte gut funktioniert, ist die Eskalation der Gegnertypen: Neue Feinde tauchen mit neuen Mechaniken auf, verlangen taktisches Umdenken und halten das brutale, körperbetonte Kampfsystem frisch. Ungefähr zur Halbzeit wirft das Spiel uns dann in ein komplett anderes Szenario – neue Umgebung, neue Gegnerklassen. Die sind zwar ebenfalls stereotyp, aber der Wechsel fühlt sich frischer an und gibt dem Kampfsystem einen zweiten Anlauf.

Danach ist es wieder vertrautes Terrain. Mehr Gegner, dieselben Gegner, immer wieder in denselben Konstellationen. Das Spiel hört auf, einem etwas Neues beizubringen, und verlässt sich auf schiere Quantität. Logan kämpft weiter; man selbst kämpft zunehmend gegen die Wiederholung. Die rund 14 Stunden Gesamtlänge sind dabei kein Zufall, sondern eine bewusste Designentscheidung gegen Füllmaterial – ob das das Pacing-Problem löst oder nur komprimiert, hängt stark vom eigenen Geduldsfaden ab.

Grafik: Zwei Spiele in einem

Das Spiel sieht phasenweise brillant aus – und man kann sich gut vorstellen, wie eine PC-Portierung bei entsprechender Hardware ein absoluter Hingucker wäre. Texturen, Lichtstimmung und Gesichtsanimationen in den Cinematics sind auf einem Niveau, bei dem man kurz vergisst, dass man eigentlich ein Videospiel schaut. Das Motion Capturing ist zumindest bei Wolverine selbst top notch.

Dann gibt es wieder Passagen, wo man sich in PS4-Pro-Land wähnt: Matsch mit Grün, ewig gleiche Texturen, Umgebungen, die neben den starken Momenten wie aus einer anderen Entwicklungsphase wirken. Der Wechsel ist abrupt genug, um jedes Mal neu aufzufallen. Insomniac hat visuell Besseres abgeliefert – warum das hier so ungleichmäßig geblieben ist, erschließt sich nicht.

Logan: Die stärkste Komponente

Was die meisten Kritiken einhellig loben, stimmt auch im eigenen Spielerlebnis: Die Darstellung von Logan ist das Beste am Spiel. Der Charakter trifft einen Punkt zwischen Hugh Jackmans Filminterpretation und der Comic-Vorlage, der überraschend überzeugend funktioniert – weder reine Kinoversion noch reines Panel-Logan, sondern eine eigene Lesart, die beiden Welten gerecht wird, ohne in eine davon zu kollabieren.

Die englische Originalsynchro ist klar die erste Wahl. Voice Acting und Timing transportieren Logans ständig brodelnde Kontrolle über seinen Berserker-Modus auf eine Weise, die die deutsche Synchronisation zwar ordentlich, aber nicht ganz auf diesem Niveau hinbekommt. Wer kann, greift zur Original-Tonspur mit Untertiteln.

Der Elefant im Raum ist und bleibt der Vergleich mit Spider-Man 2 vom selben Entwickler. Characterbuilding können beide – aber bei der freundlichen Spinne war man persönlich mehr investiert, weil man keinen Loner spielt, sondern einen Teenager, der gleichzeitig auch ein Superheld ist. Und das vertikale Gameplay in Verbindung mit dem Open-World-Szenario ist ein riesiger Spielplatz. Die engen Schlauchlevel von Wolverine sind zweckgebunden – und nicht mehr.

Story: Vorhersagbar, aber stimmig

Die Geschichte bewegt sich auf vertrautem Terrain: Rage, Trauma, Kontrolle, die Frage nach Herkunft und Identität. Die Wendungen kommen, wann man sie erwartet, und wer mit Logan als Figur vertraut ist, wird sich weder überrascht noch betrogen fühlen. Eine Logan-Geschichte muss nicht neu erfinden, was sie ist. Die Erzählung hält das Spiel gut zusammen, trägt es aber auch nicht über seine spielerischen Schwächen hinweg.

Brutalität: Ungefiltert und mit der Zeit wirkungslos

Logan reißt Gegner in Stücke, und im ersten Akt ist das ein echtes Statement – ungefiltert, konsequent und in seiner Radikalität überraschend für ein großes Publisher-Spiel. Im dritten Akt ist es Routine. Was schockieren sollte, stumpft durch schiere Wiederholung ab – ein unbeabsichtigtes Nebenprodukt des Spieldesigns, das auf Masse statt auf Dosis setzt.

Progression: Standard ohne Mehrwert

Skilltrees, Upgrades, optische Skins ohne spielerischen Einfluss – das ist Textbook-Design, das funktioniert, ohne zu überraschen. Wer solche Systeme schätzt, bekommt sie in gewohnter Form. Die Verbesserungen sind eher kosmetischer als transformativer Natur.

Fazit

Für eingefleischte Logan-Fans reicht Marvel’s Wolverine für gut bis sehr gut – der Charakter ist überzeugend, die Atmosphäre stimmt, und der Berserker-Modus hat Momente echter Wucht. Ohne das Wolverine-Logo wäre es ein solides, aber letztlich austauschbares Action-Spiel, das an seinem eigenen Vorgänger-Studio gemessen deutlich zurückfällt.

Interessant ist dabei, wie unterschiedlich die Kritik das Spiel bewertet: Während der internationale Metacritic-Schnitt bei 77 liegt und Outlets wie IGN oder GameSpot bei 6/10 landen, bewegen sich deutsche Medien wie GameStar und GamePro mit Wertungen um 86–87 in einer anderen Liga. Das sagt möglicherweise am meisten über das Spiel: Wer Logan liebt und das Spektakel genießt, erlebt ein Action-Feuerwerk. Wer Insomniac an Spider-Man 2 misst, erlebt einen Rückschritt. Beides ist eine valide Lesart desselben Spiels.

Marvel’s Wolverine | Insomniac Games | PlayStation 5 | ab 79,99 €