1.290 Euro für einen Plattenspieler klingt nach viel. Bis man den Clearaudio Compass hört. Und sieht. Und begreift, was der Hersteller aus Erlangen da gebaut hat.
Wir müssen kurz reden. Nicht über den Vinyl-Boom – den kennt man, der ist da, und er macht keine Anstalten, wieder abzuebben. Auch nicht darüber, warum Musik von einer Platte anders klingt als vom Streaming-Dienst. Darüber reden wir ein anderes Mal. Was klar sein sollte: Wenn man wirklich in Vinyl einsteigen oder nach Jahren der CD-Abstinenz zurückwollen möchte, gibt es ab sofort keine Ausrede mehr, es halbherzig zu tun.
Der Clearaudio Compass ist seit August 2025 auf dem Markt. Er ist der günstigste Plattenspieler, den die Erlangener Analog-Manufaktur je gebaut hat. Und er ist trotzdem ein echter Clearaudio – handgefertigte Schlüsselkomponenten, Made in Germany, keine Kompromisse dort, wo es klanglich drauf ankommt. Zwei Jahre Entwicklungsarbeit stecken in diesem Gerät und das hört und sieht man. Und dafür, was man bekommt, ist der Preis eigentlich eine Frechheit – aber eine angenehme.
Wer Clearaudio ist – und warum das wichtig ist
Kurze Firmengeschichte für alle, die den Namen noch nicht kennen: Clearaudio existiert seit 1978, sitzt in Erlangen, und hat sich über Jahrzehnte zu einer der angesehensten Adressen für analoge Audioprodukte weltweit entwickelt. Man konzipiert Plattenspieler, Tonarme, Tonabnehmer, Phonovorstufen – alles aus einer Hand, alles mit dem Anspruch, dass es so klingt, wie die Aufnahme gemeint war. Die teuersten Modelle der Marke, wie das Flaggschiff Statement, kosten mehr als ein Mittelklassewagen. Den Compass bekommt man für 1.290 Euro.
Auspacken: Das fühlt sich nicht nach Budget an
Der erste Kontakt mit dem Compass setzt eine klare Erwartung: Das hier ist kein Massenprodukt. Die Verarbeitungsqualität – MDF-Zarge in Schwarz oder Silber lackiert, satinierter Acrylplattenteller, Alukomponenten überall dort, wo man hinschaut – kommuniziert Ernsthaftigkeit, bevor die Nadel überhaupt die erste Rille berührt hat.
Die MDF-Zarge ruht auf drei höhenverstellbaren und entkoppelnden Aluminiumpucks und weist keinerlei sichtbare Bedienelemente auf. Das sieht radikal reduziert aus und ist es auch. Kein Schnickschnack, keine überflüssigen Tasten oder Regler. Nur Plattenteller, Tonarm, und die Fläche darunter.
Alle für die Klangqualität entscheidenden Bauteile werden in Erlangen von Hand gefertigt: Tonarm, Tonabnehmer, Lager sowie Subteller. Dass Chassis stammt aus Tschechien, der Rest ist echtes Erlangener Handwerk. Und als kleines und nicht selbstverständliches Extra liegt eine Staubschutzhaube bei, die über solide Edelstahlgelenke geführt wird. Der HiFi-Minimalist mag diese mit einem Lächeln abtun, aber der Vinyl-begeisterte Ein- und Aufsteiger wird sich darüber freuen. Nicht zuletzt deswegen, weil der Dreher so auch familienkompatibel im Wohnzimmer platziert werden kann und dabei einigermaßen geschützt ist.
Inbetriebnahme: Fast zu einfach
Der Compass kommt quasi spielfertig. Tonarm montiert, Tonabnehmer justiert, Gegengewicht drauf. Man legt den Riemen um den Subteller, setzt den Plattenteller auf, befestigt das Antiskating-Gewichtchen – fertig. Das ist dann auch die frickeligste Hürde und Menschen mit großen oder zwei linken Händen sind hier ein paar Minuten beschäftigt. Insgesamt gilt aber: Für jemanden ohne Erfahrung mit Plattenspielern, der nie einen Tonabnehmer montiert oder einen Tonarm eingestellt hat, ist dieses Set-up eine echte Erleichterung.
Ein Blick auf die Verkabelung bringt ein feines Detail ans Tageslicht: Das fest mit dem Tonarm verbundene Phono-Kabel setzt Clearaudios „Direct Wire Plus“ ein, das – anders als viele Beipackstrippen – eine hohe Leiterqualität bietet und den sonst oft angeratenen Austausch erübrigt. Wir merken uns nochmal: 1.290 Euro Kaufpreis, das „HighEnd-Spezialkabel“ ist quas im Preis enthalten. Das ist ein Detail, das nicht jeder sofort versteht, aber wichtig ist: Weniger Übergänge im Signalweg bedeutet weniger potenzielle Klangverluste. Clearaudio denkt HiFi hier konsequent zu Ende, wo andere zu sparen anfangen.
Was es nicht gibt: Automatik. Der Compass ist vollmanuell. Man setzt den Tonarm selbst auf die Platte, man hebt ihn am Ende der Seite wieder ab. Wer einen Dreher will, der das von selbst erledigt, muss woanders schauen. Wer Vinyl liebt, wird das Ritual vermutlich ohnehin schätzen .
Der Schalter für Betrieb und Drehzahl sitzt an der Unterseite der Zarge. Das ist die einzige echte Bedienungs-Eigenheit, die man erwähnen muss: Man muss kurz druntergreifen oder sich bücken, um 33 auf 45 zu wechseln oder den Dreher anzuschalten. Kein Dealbreaker, man gewöhnt sich dran – nicht daran, dass man hier die Paradelösung vorgesetzt bekommt, sondern daran, dass es eben so ist. Aber dieses Schicksal würde einen auch bei einem REGA P3 ereilen, von daher ist das keine Clearaudio-exklusive Eigenheit.
Der Klang: Hier wird es ernst
Man könnte viel über Lager, Riemenqualität und Entkopplung reden. Interessant wird es beim Hören.
Der Compass tönt sehr klar und rein auf der einen Tick helleren Seite von neutral. Subinformationen, etwa über den Raum, transportiert er mit einer Selbstverständlichkeit, die man seinem preisgünstigen MM-Abtaster nicht abnähme, wenn man es nicht selbst hören würde.
Das trifft es gut. Der Compass rückt keine Details in den Vordergrund, die da nicht sind, und er versteckt auch keine, die sein sollten. Er ist analytisch ohne Kälte, präzise ohne Sterilität. Stimmen kommen mit Körper und Kontur, Tieftöne laufen nicht weg, der Hochtonbereich schmeichelt nicht – aber er nervt auch nicht. Das ist schwerer hinzubekommen als es klingt.
Eva Cassidys „Ain’t No Sunshine“ ist ein perfektes Beispiel: Die Stimme ertönt charismatisch und mit der nötigen Sensibilität, zugleich aber ist die Gesamtakustik sehr harmonisch – nicht im Sinne langweiliger Monotonie, sondern im Sinne einer kultivierten Dynamik. HIFI-REGLER® Auch bei dynamisch anspruchsvollerem Material – Klassik, Jazz, rockige Kompressionsorgien – behält der Compass die Fassung.
Wer fragt: Ja, ein deutlich teureres Laufwerk holt mehr raus. Das tut es immer. Die Frage ist, was man für sein Geld bekommt – und da liefert der Compass auf einem Niveau, das in dieser Preisklasse schlicht bemerkenswert ist.
Tonarm T1 und Tonabnehmer N1: Kein Freifahrtschein, aber verdammt gut
Der T1-Tonarm ist eine abgespeckte Version des Clearaudio Satisfy, einem 9-Zoll-Radialausleger mit Alurohr. Er lässt sich in der Höhe verstellen, was Experimente mit diversen Auflagematten auf dem Compass erlaubt. LowBeats Das Antiskating funktioniert über ein klassisches Fadengewicht mit Kunststoffmanschette am hinteren Tonarmende – bewährte Technik, keine Überraschungen.
Der mitgelieferte MM-Tonabnehmer N1 wurde speziell für den Compass entwickelt. Er wiegt dank seines soliden, gefrästen Alugehäuses 12,5 Gramm. Als Abtastnadel dient ein elliptisch geschliffener, metallgefasster Diamant – und eine Ersatznadel kostet den Gegenwert von zwei LPs und ist vom Nutzer selbst umsteckbar. HIFI.DE Das ist wichtig: Wenn die Nadel nach tausenden Betriebsstunden durch ist, kauft man sich für 99 Euro eine neue und steckt sie selbst rein. Keine Werkstatt, kein Versand, kein Drama.
Das N1 ist kein Tonabnehmer, der seinen Charme aus Weichzeichnung zieht. Es tastet direkt und ehrlich ab – wer schlechte Pressungen hat, wird das hören. Wer gutes Vinyl auflegt, wird belohnt.
Compass vs. Rega Planar 3 vs. Pro-Ject Debut Pro
Der direkte Vergleich, der immer kommt: Rega Planar 3 (um die 800 Euro ohne System) und Pro-Ject Debut Pro (um die 600 Euro) sind die klassischen Alternativen in diesem Umfeld. Der Compass kostet mehr, gibt dafür aber Tonabnehmer und Haube dazu – rechnerisch relativiert sich der Unterschied schnell. Klanglich bewegen sich alle drei auf hohem Niveau; der Compass punktet mit dem klareren Gesamtpaket, der Rega mit mehr Erfahrungswerten und einer riesigen Tuning-Community, der Pro-Ject mit günstigerem Einstiegspreis.
Wer in Deutschland kaufen will, mit einem Hersteller im Rücken, der auch die Ersatznadel selbst produziert und ein vollständiges Service-Ökosystem anbietet: Der Compass hat hier einen echten Vorteil. Und er sieht, ehrlich gesagt, besser aus als die Konkurrenz.
Für wen ist der Clearaudio Compass?
Für alle, die Vinyl wirklich ernst nehmen wollen. Für Wiedereinsteiger, die nicht beim zweiten Dreher schon wieder nachrüsten wollen. Für alle, die bei einem Plattenspieler um 1.300 Euro einen handgemachten deutschen Markennamen, einen fertigen Tonabnehmer und eine Haube erwarten – und kein Bastelprojekt. Und für alle, die wissen, dass gute Musik es verdient, auf gutem Gerät zu laufen.
Was man zusätzlich braucht: einen Phono-Vorverstärker (der ist nicht eingebaut) – entweder einen separaten für 100 bis 300 Euro, oder einen Vollverstärker mit Phono-Eingang. Ohne den läuft der Compass nicht. Das ist kein Fehler des Dreher, sondern schlicht die Physik analoger Wiedergabe – aber ein Hinweis, den man kennen sollte, bevor man bestellt.
Fazit: Das hier ist kein Einstiegsgerät. Das ist ein Dreher fürs Leben.
Clearaudio nennt den Compass ihr Einstiegsmodell. Das stimmt technisch – er ist das günstigste Gerät im Portfolio. In der Praxis stimmt es nicht. Wer so einsteigt, ist zu beneiden: Der Clearaudio Compass geizt mit Komfort und Spielereien, konzentriert sich dafür ganz und gar auf seine Hauptaufgabe. So wird er zu einem für die Ewigkeit gebauten Präzisionstool für die Plattenwiedergabe. HIFI.DE
Der Kippschalter unten dran ist umständlich. Die fehlende Automatik ist Gewöhnungssache. Kein Phono-Pre ingebaut. Alles wahr. Und trotzdem: Für 1.290 Euro bekommt man einen handgefertigten deutschen Dreher mit erstklassiger Kette, einer Haube, die direkt dabei ist, und einem Klang, der sich mit deutlich teureren Geräten nicht verstecken muss. Das ist in dieser Preisklasse ein außergewöhnliches Angebot.
Nadel rauf. Hören. Man wird es nicht bereuen.
Clearaudio Compass | ca. 1.290 € | in Schwarz oder Silber | clearaudio.de

