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Interview: Dominik Bloh - Kein echter Schlaf

  • Redaktion
  • vor 6 Minuten
  • 10 Min. Lesezeit

© Anna Merten
© Anna Merten

Dominik, unterschiedliche Lebensrealiäten sorgen für unterschiedliche Blicke auf die unmittelbare Umgebung. Nehmen wir den Ort, an dem wir uns gerade befinden: das Dortmunder U samt Vorplatz. Für uns Presseleute geht es möglicherweise darum, wo wir das Auto parken oder drinnen Strom für die Geräte finden. Ein Tourist steuert das Kulturzentrum wegen der Ausstellungen an und schaut vielleicht, wo man in der Nähe danach noch etwas essen kann. Wie hast du, als jemand, der schon mal auf der Straße gelebt hat, diese Umgebung gescannt?

Ich habe draußen geschaut, wo es tendenziell regen- und windgeschützt ist, weil uns gerade vor der Tür ziemlich heftig der Wind um die Ohren gepfiffen ist. Und selbstverständlich habe ich darauf geachtet, ob es irgendwo Schlafplätze, so genannten Platten, gibt. Kann ich erkennen, dass sich hier regelmäßig Menschen aufhalten? Sehe ich irgendwelche Gegenstände, die Menschen auf der Straße im Alltag und für ihren Schlafplatz gebrauchen? Mein Auge schweift immer noch nach diesem Leben, das viele heute weiterhin führen müssen.


Könnte man sich hier als obdachlose Person langfristig aufhalten?

Meiner ersten Einschätzung nach schon. Man sieht allerdings keine Isomatten, keinen Schlafsack, kein zusammengepacktes Lager. Das muss ja nicht einmal voll ausgebreitet, sondern kann auch ordentlich verstaut sein. In einem Karton oder gestapelt in einem Einkaufswagen, über den dann eine Plane kommt. Das wird sehr oft toleriert. Solange alles in Ordnung und sauber ist, haben viele Menschen kein Problem. Nichtsdestotrotz ist da draußen niemand, obwohl wir uns in der Nähe des Hauptbahnhofs befinden, bei dem es sich mit Sicherheit um einen hochfrequentierten Ort handelt.

 

Was du also siehst, indem du nichts siehst, ist die Verdrängung der Obdachlosen aus dem Stadtbild?

Sie ist ganz real und auch in meiner Heimatstadt Hamburg an der Tagesordnung. In letzter Zeit stärker spürbar als je zuvor. Damit wird absichtsvoll Politik betrieben. Die Entscheidungen aus der Politik werden in die Behörden getragen und dann von der Polizei ausgeführt. Platzverweise und Aufenthaltsverbote. Hier aus Dortmund berichtete die Presse vor einigen Jahren, dass für Menschen auf der Straße Strafzettel wegen Lagerns, Campierens und Übernachtens an öffentlichen Plätzen ausgegeben worden sind. All das beschäftigt mich und führt dazu, dass ich, wenn ich auf einem Platz wie hier vorm Dortmunder U keine Platten sehe, nicht denke, dass die Stadt das Problem in den Griff bekommen hat. Sondern dass die Menschen schlichtweg vertrieben werden.

 

Begeben wir uns weiter gedanklich in die Version der Realität, die du zehn Jahre lang dort draußen erlebt hast. Die meiste Zeit hast du um Hilfe gebeten, was du lieber sagst als "betteln", zu Beginn jedoch auch Dinge gestohlen und an Hehler verkauft. Wo findet man diese Hehler eigentlich?

Auf der Straße kennt man diese Orte und sie sind auch nicht geheim oder konspirativ. An manchen Ecken gibt es Läden, da fragt dich niemand nach deinem Ausweis oder einem Beleg dafür, dass das, was du verkaufen willst, auch wirklich dir gehört.

 

Wir reden also von öffentlichen An- und Verkaufsgeschäften, statt von Männern, die wie in einem Krimi noir an der Ecke stehen.

Das gibt es auch. Am Ende wird alles zum Business. Dort, wo ich mich aufgehalten habe, wurden Leute ganz gezielt rekrutiert, um gewisse Dinge zu besorgen, die andere dann mit Gewinn weiterverkauften. Mit der Zeit lernt man, wo wie viel Bares zu holen ist, oder bekommt die Möglichkeit, diese Diebstahldienstleistungen auszuführen.

 

Auf der Straße ist man im Prinzip rund um die Uhr bedroht. Wie sucht man sich einen Platz aus, der einigermaßen sicher ist?

So individuell wie die Menschen sind ihre Wege, einen sicheren Schlafplatz zu finden. Da gibt es alles Mögliche. Ich war erst neulich mit einer Freundin unterwegs, die auch lange auf der Straße in Hamburg gelebt hat und mir ihren Platz zeigte. Er war meinem sehr ähnlich, hatte eine Holzbank mit Lehne, wo man tatsächlich ein bisschen über dem Boden liegt, und eine Kopfstütze. Allerdings befand sich ihrer ganz am Ende eines Parks, in den ich niemals gegangen wäre. Wo weniger Leben herrscht, ist es einfacher, jemanden unbemerkt zu attackieren. Viele entscheiden sich daher auch dafür, sich zum gegenseitigen Schutz in Gruppen zu formieren: Das ist unsere Gemeinschaft und diese drei, vier, fünf Schlafsäcke nebeneinander beschützen wir zusammen.

 

Dennoch schläft man wahrscheinlich stets mit einem offenen Auge, oder?

Absolut. Ich war ein junger Mensch auf der Straße und hatte deshalb sehr viel Energie, doch selbst mich hat das alles zerrüttet. Leg dich mal auf eine Isomatte mit nur zwei Zentimetern Polster zwischen Körper und Asphalt. Mir hat ständig alles wehgetan. Ich betone das immer wieder: Es gibt keinen echten Schlaf auf der Straße. In den Nächten bin ich meistens planlos durch die Gegend gelaufen, um die Knochen wieder in Reih und Glied zu bekommen.

 

Ein paar Stunden muss der Mensch aber zwischendurch schlafen, wenn er überleben will. Wann ist das gelungen, wenn du nachts unterwegs warst?

Ganz oft am Vormittag, so zwischen 11 und 14 Uhr. Der Berufsverkehr ebbt ab, alles wird etwas ruhiger, im Sommer steht die Sonne warm auf den Wiesen im Park. Viele sind dann mit ihren Haustieren und Kinderwagen unterwegs, einen Kaffee in der Hand, oder die Leute sitzen, hocken und liegen selber auf dem Rasen. Dort habe ich mich dann ungestört hingelegt und konnte unauffällig ein paar Stunden Schlaf finden.

 

Seit Jahrzehnten liest man von Angriffen auf Obdachlose bis hin zum Mord. Was hast du in dieser Hinsicht für Schutzmaßnahmen getroffen?

Man muss jederzeit vorbereitet sein und lebt ständig in dem Wissen, dass so etwas passieren kann. Daher habe ich meinen Schlafsack zum Beispiel nie ganz bis zum Kinn hochgezogen, sondern nur bis zur Hüfte, damit ich für den Fall, dass jemand ihn anzündet, schnell rausspringen kann. Es handelt sich um hoch brennbares Material, da geht es um jede Sekunde. Zwei Feuerzeuge in die Fäuste, damit ich, sollte ich mich wirklich prügeln müssen, mir nicht so schnell die Hände breche. Außerdem habe ich immer Schuhe getragen, um sie nicht erst anziehen zu müssen und stets im festen Stand sein zu können. Und natürlich alles an Kleidung, selbst im Hochsommer. Der größte Luxus meines jetzigen Lebens besteht darin, einfach so nur in Boxershorts schlafen zu können.

 

Du sprichst davon, dass jemand den Schlafsack anzünden könnte. Was sind das für Menschen, die so etwas tun?

Bei dem, was ich erlebt habe und was andere mir berichten, handelt es sich meistens um die ungünstige Kombination aus jungen, männlichen Heranwachsenden und Alkohol plus Gruppendynamik. Sie haben zu viel getrunken und wollen untereinander ein bisschen Stärke zeigen. So nach dem Motto: „Guck mal der, wenn du den heftiger treten kannst als ich, gebe ich die nächste Runde aus.“ Das ist schlimm und häufig Pech. Es gibt aber eine Haltung, die viel schlimmer ist.

 

Welche soll das sein?

Die von Leuten, die echte Verachtung gegenüber denen empfinden, die weniger haben oder in einer schweren Lebenssituation stecken. Die wirklich denken, diese Menschen seien weniger wert, und ihr Handeln tief innerlich dadurch rechtfertigen, der Stärkere zu sein und auch sein zu dürfen. Sind solche Leute dann noch auf Aufputschmitteln, enden ihre Angriffe auch mal tödlich. Sie begreifen nicht, wie schnell sie selber dort sitzen könnten.


© Anna Merten
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Du sprichst lediglich von zwei Feuerzeugen in den Händen. Kommt man nie auf die Idee, sich für das Leben auf der Straße richtig zu bewaffnen?

Ich hatte eine Weile ein Messer dabei, allerdings nicht als Waffe, denn ich bin zutiefst gegen Gewalt, sondern um mich gegebenenfalls schnell aus dem Schlafsack oder dem Zelt herausschneiden zu können.

 

Dem Zelt?

Eine Weile lebte ich in einem Zeltlager in Hamburg, musste dort aber lernen, dass es noch ganz andere, profanere Gefahren gibt. Zum Beispiel hatte ich das Zelt in der ersten Zeit direkt an der Hafenmauer platziert. Bis mir jemand riet, es auf die andere Seite in Richtung Wasser zu stellen. Der Grund war, dass Leute von oben Kippen runterschmeißen und damit das Zelt entzünden können. Oder sie werfen Holzlatten oder Steine auf die Zelte. Das war die einzige Phase, die ich im Zelt verbracht habe, denn auf der Straße brauchst du einfach alle deine Sinne. Du musst deine Umgebung ständig ganz genau scannen. Irgendwann habe ich das Messer auch weggelegt, da ich trotz alldem, was mir passieren konnte, nie ein Leben gefährden wollte – und sei es nur aus Notwehr.

 

Eine weitere womöglich naive Frage, um diese Lebenswelt zu verstehen: Wenn man jederzeit angegriffen werden kann, sollte man ja besonders achtsam sein. Der größte Nachteil, den man sich zufügen kann, ist demnach die Trübung der Wahrnehmung durch Alkohol oder Drogen. Gerade diese lässt sich aber häufig beobachten, oder?

Ich für meinen Teil habe nicht getrunken und lediglich ab und zu Marihuana geraucht. Auf der Straße war ich so sehr im Hier und Jetzt wie noch nie in meinem Leben. Gezwungenermaßen. Überleben bedeutet, immer im Jetzt zu sein, im Moment. Es gibt keine Situation, in der man achtsamer ist. Gleichzeitig raubt dieser Zustand aber so viel Kraft und Energie, dass die Achtsamkeit dadurch wieder reduziert wird. Nur das für das Überleben Entscheidende bleibt weiterhin fokussiert.

 

Womit finanzierst du heute deinen Lebensunterhalt?

Mit dem Duschbus GoBanyo habe ich ein Unternehmen gegründet, bei dem ich ganz normal angestellt bin. Bei aller Hilfe, die wir leisten, handelt es sich um eine GmbH, die sich auch dank der vielen Unterstützung rechnet. Mein Buch ist mittlerweile in der fünten Auflage und sogar zur Schullektüre geworden. Dafür bin ich besonders dankbar. Ich kann durch Wörter, durch Ideen, die ich im Kopf habe und zu Papier oder auf die Straße bringe, inspirieren, helfen und am Ende sogar Geld verdienen.

 

Als deine psychisch schwer kranke Mutter dir mit 16 Jahren eine Stunde Zeit gab, um aus der Wohnung und aus ihrem Leben zu verschwinden, gingst du noch zur Schule und machtest dann, auf der Straße lebend, das Abitur. Zuvor schickte man dich von Pontius zu Pilatus. Der Vertrauenslehrer, die Sozialarbeiter, das Jugendamt … Niemand­ fühlte sich zuständig. Wie ist so etwas überhaupt möglich?

Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht, dass mir diese Frage gestellt wird.

 

Wieso? Deutschland ist doch berühmt als das Mutterland der Bürokratie. Sie ist lästig, oft surreal und verwirrend, aber sie muss doch auch den Vorteil haben, dass es für jede Eventualität klare Zuständigkeiten und Vorgänge gibt. Doch offenbar ist dem nicht so.

Dem ist in der Tat nicht so. Das sind strukturelle Probleme, an denen man erkennt, wie wenig Wissen wir darüber haben. Meine Geschichte ist bald zwei Jahrzehnte her, aber sie spiegelt noch heute den Alltag bei Ämtern und Behörden wider. Das sind echte Missstände im System, die zu lange schöngeredet wurden. Wir haben vorhin über verschiedene Lebensrealitäten gesprochen. Du zeigst dich erstaunt darüber, dass diese Zustände in den Institutionen herrschen, doch in meiner Welt ist das so, seit ich denken kann.

 

Springen wir mal vom Ausgangspunkt, an dem du als Teenager auf der Straße landest, bis zum Endpunkt rund zehn Jahre später, an dem du erstmals wieder eine Wohnung und somit eine Meldeadresse hast. Was dann geschieht, kann man kaum glauben – dir flattern Rechnungen über Tausende von Euro ins Haus. Fürs Schwarzfahren, aber auch für Jahre der gesetzlichen Krankenkasse, deren Leistungen du überhaupt nicht in Anspruch genommen hast. Und zwar weil wir eine Solidargemeinschaft sind.

Ich zahle das immer noch ab. Die Krankenkassenbeiträge allerdings nicht, weil eine Angestellte meiner Krankenkasse zufällig bei einer meiner Lesungen davon erfuhr und sich dafür einsetzte, dass mir zumindest diese Belastung genommen wird.

 

Dennoch halten wir fest: Wer einige Jahre lang keine Beiträge zahlt, weil er es sich schlichtweg nicht leisten kann, hat beim Wiedereintritt in die Gesellschaft direkt einen Schuldenberg vor sich?

Es kam in jedem Fall eine horrende Rechnung wegen nicht geleisteter Beiträge. Da ich nicht antwortete, wurden sie geschätzt. Das geschieht dann oft in höchstmöglicher Weise. Bis das alles beglichen war, war ich bloß notversichert. Die geschätzte Lebenserwartung von Menschen, die auf der Straße bleiben, liegt bei gerade mal 49 Jahren und das liegt zum Teil auch daran, dass man eben keinen Zugang zum Gesundheitssystem hat. Wir müssen dafür sor-gen, dass auch Menschen auf der Straße eine ausreichende Krankenversorgung erhalten.

 

Wie bekommen wir das hin?

Ich war auf der Zukunftskonferenz, die europaweit als Dialogprojekt mit der Bevölkerung ins Leben gerufen wurde, und berate heute das Bauministerium dabei, eines der Ziele der Agenda 2030 zu verfolgen: die Obdachlosigkeit bis in sieben Jahren zu beenden. Ein Thema der Konferenz war die Gesundheitskarte für Menschen auf der Straße. Unsere oberste Priorität ist jedoch, den Betroffenen zunächst ein Dach über dem Kopf und regulären Zugang zu den Systemen, die wir haben, zu ermöglichen. Die Idee folgt dem aus der US-Sozialpolitik stammenden Motto "Housing First". Nicht dieses ständige Klein-Klein, bei dem man schaut, wie man die Strafen wegen Schwarzfahrens mildert oder zusieht, dass die Menschen eine Suppe bekommen und dass für den Winter wieder ein Container bereitsteht, damit sie nicht erfrieren.

 

Welches Konzept steckt hinter "Housing First"?

Ganz einfach: Man bekommt ein Zuhause. Oder besser gesagt, eine Wohnung, denn selbst mit der dauert es noch eine Weile, bis man sie als Zuhause empfinden kann. Doch damit existiert erst mal eine Basis, von der aus alles andere so viel leichter geht als auf der Straße.

 

Man geht zu einer Institution und diese hat eine dauerhafte Bleibe parat? Für alle?

Obdachlosigkeit ist ein soziales Problem, aber eben auch eines, das mit Bauen zu tun hat. Wir müssen bezahlbaren Wohnraum schaffen. Das müssen wir hinkriegen.

 

Ist es bloß ein subjektiver Eindruck oder eine Tatsache, dass die Zahl der auf der Straße lebenden Menschen zunimmt?

Das stimmt mit Sicherheit. Ich habe eine Statistik gelesen, dass sich in Hamburg im Jahr 2021 über zweitausend Haushalte ohne festen Wohnsitz gemeldet haben. Das bedeutet nicht zwingend, dass die Leute auf der Straße leben, aber dass zweitausend Menschen keinen Schlüssel zu einer eigenen Tür mehr in der Tasche haben. In dieser Notlage befinden sich immer mehr Menschen. Obdachlosigkeit beginnt im Grunde bereits mit dem Couchsurfen. Insofern finde ich es schade, dass man manchmal "wohnungslos" statt "obdachlos" sagt. Für mich ist das beides eins.


 

Zur Person

Dominik Bloh, Jahrgang 1988, lebte über zehn Jahre lang auf der Straße, nachdem seine psychisch schwer erkrankte Mutter ihm im Alter von 16 Jahren "eine Stunde Zeit gab", seine Sachen zu packen und ihr Leben zu verlassen. Die langen Jahre ohne Obdach endeten, als er 2015 geflüchteten und ebenfalls auf der Straße campierenden Menschen half, obwohl er selbst in vergleichbarer Lage war. Blohs Straßenbiografie "Unter Palmen aus Stahl" wurde zum Bestseller. In seinem Blog erzählt er Geschichten von der Straße, er arbeitet an einer Schule mit verhaltensauffälligen Jugendlichen und betreibt mit GoBanyo den Duschbus für Obdachlose. Bloh lebt in Hamburg.



In seinem zweiten, im Oktober 2024 erschienenen Roman stellt sich Dominik Bloh die Frage: "Wie ist ein Weiterleben nach dem Überleben möglich?" Er zeigt auf, was es bedeutet, wenn man mit einem posttraumatischen Straßentrauma zu kämpfen hat, und erläutert die Folgen, die nach dem vermeintlichen "Happy End ", endlich von der Straße zu sein, passieren können und ihm passierten. Eindringlich beschreibt er, wie schwer es ist, nach Jahren der Obdachlosigkeit wieder im "normalen" Leben Fuß zu fassen, und wie tief die Narben der Vergangenheit sitzen.

200 Seiten | 24,90 €

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